Wir füttern nicht nur das Pferd

Bei der naturnahen Versorgung unserer Pferde geht es nicht nur darum, ob der rechnerische Energie-, Eiweiß- oder Mineralstoffbedarf des Pferdes gedeckt ist.

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir mit jeder Fütterungsidee auch ein komplexes mikrobielles Ökosystem im Verdauungstrakt des Pferdes mitfüttern.

Dieses Ökosystem, das sich über Millionen von Jahren entwickelt hat, benötigt nicht nur eine ausreichende Menge an Faser. Es reagiert auch auf die chemische Zusammensetzung, die Struktur und die Regelmäßigkeit der angebotenen pflanzlichen Nahrung.

Neben einer großen Vielfalt an Gräsern, Kräutern und Blättern findet dabei eine Futtergruppe in der modernen Pferdefütterung erstaunlich wenig Beachtung: Baumrinden.

Baumrinden als Bestandteil der natürlichen Pferdenahrung

Baumrinden gehören seit Jahrtausenden ganz selbstverständlich zum Nahrungsspektrum freilebender Pferde. Besonders im Winter, während Trockenperioden oder wenn Gräser weniger verfügbar sind, schälen Wild- und verwilderte Pferde regelmäßig Rinde von jungen Bäumen und Ästen.

Dieses natürliche Fressverhalten lässt sich auch in der Haltung unserer Hauspferde aufgreifen. Geeignete, sicher bestimmte und unbelastete Äste und Zweige können von Pferdebesitzern selbst gesammelt und mitsamt ihrer Rinde angeboten werden. Wer langfristig mehr pflanzliche Vielfalt schaffen möchte, kann geeignete Gehölze außerdem am Rand von Weiden oder Paddocks anpflanzen und den Pferden damit regelmäßig frisches Knabbermaterial zur Verfügung stellen.

Lange wurde angenommen, dass Rinden-Knabbern lediglich eine Reaktion auf Futtermangel sei. Heute spricht jedoch vieles dafür, dass Rinden weit mehr sind als ein bloßer „Lückenfüller“.

Sie liefern eine beeindruckende Vielfalt an Faserstrukturen und sekundären Pflanzenstoffen – also genau jene Stoffe, die aus Sicht der modernen Mikrobiomforschung besonders interessant sein könnten.

Chemisch betrachtet handelt es sich bei Baumrinden um ein komplexes, heterogenes und lignocellulosehaltiges Pflanzengewebe. Es enthält unter anderem Cellulose, Hemicellulosen und Lignin sowie unterschiedliche extrahierbare Verbindungen wie Tannine, Suberin und Terpenoide.

Die genaue Zusammensetzung kann sich abhängig von Baumart, Alter, Standort, Rindenschicht und Verarbeitung erheblich unterscheiden.

Das Darmmikrobiom – ein eigenes Ökosystem

Der Dickdarm des Pferdes beherbergt Billionen von Mikroorganismen: Bakterien, Pilze, Archaeen und andere mikroskopisch kleine Lebewesen. Zusammen bilden sie das Darmmikrobiom.

Dieses Ökosystem übernimmt Aufgaben, die das Pferd allein gar nicht leisten könnte. Die Mikroorganismen spalten schwer verdauliche Pflanzenfasern auf und bilden dabei unter anderem kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat.

Diese dienen nicht nur als wichtige Energiequelle, sondern unterstützen auch die Gesundheit der Darmschleimhaut.

Darüber hinaus beeinflusst das Mikrobiom zahlreiche weitere Prozesse:

  • die Stabilität der Darmbarriere,
  • die Entwicklung und Regulation des Immunsystems,
  • Entzündungsprozesse im gesamten Körper,
  • den Stoffwechsel,
  • sowie vermutlich auch das Verhalten und die Stressreaktion.

In der Humanmedizin wird der Darm inzwischen häufig als ein „vergessenes Organ“ bezeichnet. Auch in der Pferdemedizin gewinnt dieses Thema zunehmend an Bedeutung.

Mittlerweile wissen wir: Das Mikrobiom reagiert auf die Zusammensetzung der Ration. Andersherum formuliert bedeutet das: Die Ernährung beeinflusst die mikrobielle Gemeinschaft im Verdauungstrakt.

Eine wichtige Frage, die wir uns deshalb regelmäßig stellen sollten, lautet:

Welche Umweltbedingungen und Substrate fördern ein stabiles, überwiegend faserfermentierendes Netzwerk im Dickdarm unserer Pferde?

Vielfalt ist wichtiger als Perfektion

Freilebende Pferde fressen im Laufe eines Jahres mehrere Dutzend bis weit über hundert verschiedene Pflanzenarten. Hinzu kommen Blätter, Knospen, Samen, Früchte, Wurzeln, Zweige und eben auch Rinden.

Jede dieser Pflanzen bringt ihre eigene Kombination aus Fasern, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen mit - und genau diese Vielfalt scheint einer der wichtigen Faktoren für ein stabiles Darmmikrobiom zu sein.

Unterschiedliche Mikroorganismen bevorzugen unterschiedliche „Lieblingsspeisen“. Eine abwechslungsreiche Ernährung kann deshalb zahlreiche ökologische Nischen schaffen und einer größeren Zahl nützlicher Bakterien ermöglichen, dauerhaft im Darm zu leben.

Je intensiver wir das Darmmikrobiom erforschen, desto deutlicher wird: Gesundheit beginnt häufig bereits bei den Mikroorganismen im Dickdarm und wird damit unmittelbar durch die Ernährung beeinflusst.

Ein stabiles Darmmikrobiom ist kein statisches Verzeichnis erwünschter Keime. Es ist ein komplexes Netzwerk aus Faserabbauern, Zwischenproduktverwertern, kurzkettige Fettsäuren bildenden Mikroorganismen und vielen weiteren funktionellen Gruppen.

Diese Mikroorganismen konkurrieren miteinander, unterstützen sich gegenseitig und reagieren fortlaufend auf das, was wir dem Pferd zu fressen anbieten.

Rinden liefern einen Anteil an pflanzlicher Vielfalt, der in der heutigen Pferdefütterung häufig verloren gegangen ist. Ihr Wert liegt vor allem in der Erweiterung der pflanzlichen und chemischen Vielfalt der Ration.

Rinden liefern weit mehr als Holzfasern

Rinden sind hochkomplexe Pflanzengewebe. Ihre Inhaltsstoffe lassen sich vereinfacht in drei Hauptkategorien einteilen:

  • Faser- und Zellwandbestandteile
  • sekundäre Pflanzenstoffe
  • organische Säuren und weitere bioaktive Verbindungen

Diese Stoffe unterscheiden sich zum Teil deutlich von denen klassischer Gräser und Kräuter. Genau dadurch können sie das Nahrungsspektrum der Darmflora erweitern.

Wenn es um die Unterstützung eines vielfältigen Darmökosystems geht, erscheint eine Mischung verschiedener Rinden daher grundsätzlich plausibler als eine große Menge einer einzelnen Baumart.

Eine Rindenmischung kann:

  • unterschiedliche Zellwandstrukturen liefern,
  • verschiedene Grade der Lignifizierung abbilden,
  • ein breiteres Spektrum sekundärer Pflanzenstoffe anbieten,
  • und damit die botanische Vielfalt der Gesamtration erhöhen.

Polyphenole und Tannine – mögliche Modulatoren des Darmökosystems

Rinden enthalten neben unterschiedlichen Faser- und Zellwandbestandteilen auch sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole.

Zu dieser großen Stoffgruppe gehören unter anderem Flavonoide und Tannine, die auch als Gerbstoffe bezeichnet werden.

Ein Teil der Polyphenole wird im vorderen Verdauungstrakt nur begrenzt aufgenommen und kann deshalb den Dickdarm erreichen. Dort können Darmmikroorganismen bestimmte Verbindungen in kleinere phenolische Metaboliten umwandeln.

Gleichzeitig können die ursprünglichen Pflanzenstoffe und ihre Abbauprodukte die Aktivität und Zusammensetzung der mikrobiellen Gemeinschaft beeinflussen. Zwischen Polyphenolen und dem Darmmikrobiom besteht damit grundsätzlich eine wechselseitige Beziehung.

Auch Tannine können die mikrobielle Fermentation beeinflussen. Sie sind in der Lage, mit Proteinen, Kohlenhydraten, Enzymen und Mikroorganismen zu interagieren.

Aus Sicht einer vielfältigen Fütterung bleiben Polyphenole und Tannine deshalb interessant: Verschiedene Rinden liefern unterschiedliche Kombinationen dieser Pflanzenstoffe und erweitern damit die chemische Substratlandschaft, mit der sich das Darmmikrobiom auseinandersetzen muss.

Welche Rinden eignen sich?

Geeignet sind unter anderem Rinden von z.B. Weide, Birke, Haselnuss, Pappel, Linde, Esche, Eiche, Weißdorn, Apfel, Birne oder anderen Obstgehölzen.

    Ideal ist eine Mischung verschiedener Baumarten bzw. ein regelmäßig wechselndes Angebot. Denn genau wie bei z.B. Kräutern und Gräsern scheint auch hier die Vielfalt wichtiger zu sein als eine große Menge einer einzelnen Pflanze.

    Dabei muss die Rinde nicht zwingend in Form einer fertigen Mischung gekauft werden. Pferdebesitzer können geeignete Äste und Zweige auch selbst sammeln und ihren Pferden vollständig zum Knabbern anbieten. Auf diese Weise nehmen die Pferde nicht nur die Rinde, sondern auch weitere Bestandteile wie Knospen, Blätter oder junge Triebe auf.

    Ein weiterer interessanter Aspekt frisch gesammelter Äste und Zweige ist ihre natürliche Oberflächenmikrobiota. Auf Rinde, Knospen und Blättern leben vielfältige Gemeinschaften aus Bakterien, Hefen und anderen Pilzen, von denen das Pferd beim Knabbern einen Teil mit aufnimmt. Es ist denkbar, dass frisches, unbelastetes Pflanzenmaterial nicht nur die botanische und chemische Vielfalt der Ration erweitert, sondern auch die mikrobielle Vielfalt, mit der das Pferd regelmäßig in Kontakt kommt.

    Wichtig ist selbstverständlich, dass die Gehölze sicher bestimmt, für Pferde geeignet und unbehandelt sind. Sie sollten nicht an stark befahrenen Straßen, auf gespritzten Flächen oder an anderen möglicherweise belasteten Standorten wachsen. Anstatt Rinde von lebenden Bäumen abzuschälen, sollten besser Äste verwendet werden, die beim fachgerechten Rückschnitt ohnehin anfallen.

    Eine weitere Möglichkeit besteht darin, geeignete Futtergehölze direkt im Weide- oder Paddockbereich anzupflanzen. Besonders junge Pflanzen sollten zunächst vor Verbiss und Trittschäden geschützt werden, damit sie sich ausreichend entwickeln können. Später können sie den Pferden regelmäßig Äste, Zweige und Rinde liefern und gleichzeitig die botanische Vielfalt ihres Lebensraums erhöhen.

    Rinden sind kein Allheilmittel – aber vielleicht ein fehlendes Puzzleteil

    Natürlich wird eine Rindenmischung allein kein Stoffwechselproblem lösen. Sie kann auch keine schlechte Haltung oder grundsätzlich unpassende Fütterung ausgleichen.

    Was sie jedoch kann, ist dazu beizutragen, die botanische Vielfalt der Ration zu erhöhen – und genau diese Vielfalt scheint für ein stabiles Darmmikrobiom von großer Bedeutung zu sein.

    Vielleicht liegt einer der größten Fortschritte in der heutigen Pferdefütterung deshalb gar nicht darin, immer neue Zusatzstoffe zu entwickeln - wahrscheinlich besteht er vielmehr darin, dass wir uns wieder daran erinnern, wie vielfältig Pferde sich über Millionen von Jahren ernährt und damit gut entwickelt haben. Baumrinden sind ein kleines Stück Natur, das unsere Pferde über Jahrtausende ganz selbstverständlich genutzt haben – und das wir ihnen heute mit wenig Aufwand regelmäßig wieder anbieten können.